MS ist eine "Krankheit mit 1.000 Gesichtern" Was MS ist, wie sie entsteht und welche Krankheitszeichen es gibt, erkläre ich Dir hier.
Was ist MS
Wie das Nervensystem funktioniert
Wie das Immunsystem funktioniert
Ursachen der MS
Was ist ein Schub
Krankheitszeichen (Symptome der MS)
Das Gehirn ist die Schaltzentrale, von der aus alles, was ein Mensch tut, gesteuert wird. Das fängt beim Denken an und hört beim Heben des Fußes auf. Die dazu notwendigen Befehle sendet das Gehirn über Nerven und Nervenbahnen aus. MS beschädigt die Nervenbahnen, so dass diese Befehle verspätet ankommen. In manchen Fällen erreichen sie nie ihr Ziel.
Welche Beschwerden die MS auslöst, richtet sich danach, welche der unvorstellbar vielen Nervenleitungen, die ein Mensch hat, durch Entzündung und Narben beschädigt oder zerstört sind. Einige Beispiele: Der Gleichgewichtssinn ist gestört, was zu einem torkelndem Gang führt, der Arm zittert, die Augen sehen schlecht. Ein großes Problem für MS-Kranke ist die große Müdigkeit, unter der sehr viele von ihnen leiden.
MS kann noch nicht geheilt werden, weil noch nicht jede der vielen Ursachen, die MS auslösen, erforscht sind. Es gibt aber Medikamente, die die Krankheit in vielen Fällen aufhalten. Außerdem können die Beschwerden, die MS verursacht, recht gut behandelt werden. Auch mit MS kann man ein glückliches Leben führen.
In Deutschland haben ungefähr 120.000 Menschen MS. Das entspricht der Einwohnerzahl der Städte Bremerhaven, Wolfsburg, Göttingen, Bottrop oder Ulm. Zum Vergleich: An Diabetes (Zuckerkrankheit) vom Typ 2 (das ist der so genannnte Altersdiabetes) sind in Deutschland rund 3,5 Millionen Menschen erkrankt. MS ist also eine recht seltene Erkrankung. Ihre Erforschung wird seit ungefähr 60 Jahren vorangetrieben.
Du willst genauer wissen, was im Körper bei MS passiert? Dann lies im nächsten Abschnitt weiter unter > Nervensystem und weiter unten unter > Immunsystem.
• Wie das Nervensystem funktioniert
Um MS besser verstehen zu können, muss man zunächst wissen, wie das Nervensystem funktioniert. Es ist zuständig dafür, dass wir denken, fühlen, handeln und uns bewegen können. Es sorgt dafür, dass unsere inneren Organe arbeiten, und dafür, dass Muskeln und Knochen im Zusammenspiel funktionieren.
Das Nervensystem besteht aus einer riesigen Menge von Nervenzellen, die untereinander durch feine Fortsätze, Axone genannt, verbunden sind. Dieses komplizierte Geflecht funktioniert so, dass es die Befehle des Gehirns an die Muskulatur oder die inneren Organe weiterleitet. Aber auch Reize aus der Umwelt werden von Nerven (zum Bespiel Sehnerven, Hautnerven und anderen) durch das Rückenmark zu bestimmten Regionen im Gehirn geleitet. Als Antwort sendet das Gehirn einen Befehl, der dann ausgeführt wird und bekommt eine Rückmeldung, dass der Befehl ausgeführt wurde und ob es dabei Probleme gab. Man kann sich also vorstellen, dass jede Störung dieser Nachrichtenwege, zum Beispiel durch Multiple Sklerose, diesen normalen Ablauf unterbrechen kann.
Die Übertragung der Signale im Nervensystem geschieht ähnlich, wie Strom durch elektrische Leitungen fließt. Denn ebenso wie Stromkabel sind die Nervenbahnen von einer isolierenden Schutzschicht umhüllt. So ist sichergestellt, dass Signale aus dem Gehirn rasend schnell ihren Bestimmungsort erreichen. Bei MS wird diese Isolierschicht – das Myelin – ganz oder teilweise an verschiedenen Stellen zerstört. Das führt dazu, dass bestimmte Signale nur noch sehr langsam vorankommen. Es kann auch sein, dass sie quasi in einer Sackgasse landen, keine Umleitung finden und ihr Ziel nie erreichen. Das ist der Fall, wenn nicht nur das Myelin, sondern auch das Axon selbst zerstört ist.
Wenn Du wissen willst, wieso das Myelin zerstört wird, lies weiter unter: Immunsystem.
• Wie das Immunsystem funktioniert
Als Immunsystem werden die vielen verschiedenen Abwehrkräfte bezeichnet, die den Körper als Gesundheitspolizei gegen Krankheitserreger wie Bakterien und Viren verteidigen. Ein Teil dieser "Polizisten" ist ständig im Blutkreislauf unterwegs. Auf dem Bild kannst Du sehen, wie es in einem Blutgefäß aussieht, wenn die verschiedenen "Polizisten” des Immunsystems herbeieilen, um einen Eindringling zu bekämpfen und zu zerstören.
Bei MS passiert im Immunsystem aber ein Fehler: Einige hoch spezialisierte "Polizisten" – die T-Zellen – wurden falsch programmiert. Sie greifen das Myelin an, aus dem die Isolierschicht der Nervenbahnen aufgebaut ist. Das verursacht die Entzündungen, von denen Narben zurückbleiben.
Normalerweise sind Gehirn und Rückenmark gut vor schädlichen Eindringlingen geschützt. Eine besondere Barriere dafür ist die Blut-Hirn-Schranke. Sie sorgt dafür, dass den im Blut treibenden Bakterien, Viren, bestimmten chemischen Stoffe und Zellen des Immunsystems der Zugang zum Zentralen Nervensystem so gut wie verwehrt bleibt. Falsch programmierte T-Zellen tragen im Falle einer MS offenbar eine Tarnkappe, mit deren Hilfe sie die Blut-Hirn-Schranke passieren können.
Wie das funktioniert, ist noch nicht geklärt: Viele Forscher arbeiten aber zurzeit an dieser Frage. Sie sehen an der Blut-Hirn-Schranke einen der wichtigsten Ansatzpunkte, den Ausbruch einer MS zu verhindern.
• Welche Ursachen hat MS?
Die Ursache der MS ist noch nicht geklärt. Wahrscheinlich hat die Erkrankung mehrere Ursachen, von denen noch nicht alle bekannt sind.
Eine zentrale Rolle spielt das nicht korrekt arbeitende Immunsystem. (Mehr darüber kannst Du dort nachlesen).
Eine weitere Rolle hat wahrscheinlich ein noch unbekannter Krankheitserreger. Eine oft unbemerkte Infektion im Kindesalter könnte der Auslöser sein, dass das Immunsystem sich plötzlich gegen das Myelin richtet. Ganz stark im Verdacht steht das Epstein-Barr-Virus, mit dem fast jeder Mensch im Laufe seines Lebens in Berührung kommt – in den meisten Fällen ist das harmlos.
Ein dritter Grund könnten die Erbanlagen sein, die der Mensch bei der Geburt mitbekommt. Sie bestimmen mit darüber, wie gut die Selbstheilungskräfte arbeiten. Zerstörtes Myelin kann vom Körper nämlich wieder aufgebaut werden. Bei MS funktioniert das nicht richtig.
Und als vierter Grund kann es auch wichtig sein, wo ein Mensch während seiner Kindheit lebt: Auf der nördlichen Erdhalbkugel ist MS viel häufiger anzutreffen als auf der südlichen. Zieht ein Mensch später um – also als Jugendlicher oder Erwachsener –, hat dies keinen Einfluss mehr darauf, ob eine MS ausbrechen kann oder nicht. Diese "geografische Neigung" wird offensichtlich im Kindesalter erworben.
Eine neue Entzündung im Gehirn oder Rückenmark äußert sich also als Schub. Ein Schub wird – oft im Krankenhaus – mit hoch dosiertem Kortison behandelt. Das bekämpft die Entzündung, und oft heilen die Stellen wieder, so dass keine Beschwerden zurückbleiben.
Nach ungefähr zehn Jahren geht ein solcher schubförmiger Krankheitsverlauf bei der Hälfte der MS-Kranken schleichend in einen gleichförmigen Verlauf über: Die Beschwerden verschlechtern sich langsam, Schübe bleiben aus. Dies nennt man dann einen sekundär-progredienten Verlauf. Progredienz ist der medizinische Begriff für die zunehmende Verschlimmerung einer Krankheit. Sekundär bedeutet, dass dies zweitrangig, nachträglich geschieht.
Es gibt aber auch – seltener – Krankheitsverläufe, bei denen sich die MS von ihrem Beginn an stetig verschlimmert: Dann spricht man vom primär-progredienten Verlauf. Etwa zehn Prozent der MS-Erkrankten weisen diesen Krankheitsverlauf auf.
Ganz wichtig ist zu wissen, dass eine MS nicht in jedem Fall schwer verläuft. Es viele Fälle, in denen sie gutartig verläuft – mit sehr wenigen Schüben und Beschwerden, die sich regelmäßig völlig zurückbilden.
• Welche Beschwerden treten bei MS auf? (Symptome)
Bei MS können viele verschiedene Beschwerden – in der Fachsprache: Symptome – auftreten. Ein MS-Kranker kann unter nur einem Symptom, oder unter mehreren leiden. Jedes einzelne Symptom für sich genommen kann aber auch andere Ursachen als MS haben.
Das sind die häufigsten Symptome:
Sehstörungen
Sehstörungen kommen bei MS häufig vor. Sie haben verschiedene Ursachen. So kann die Sehschärfe eingeschränkt sein, und im späteren Krankheitsverlauf kann die Sehkraft nachlassen. Verursacht wird dies meist durch eine Entzündung des Sehnervs.
Doppelbilder oder verschwommenes Sehen treten auf, wenn die Bewegungen der Augen von den dafür zuständigen Hirnnerven nicht mehr exakt gesteuert werden. Ein weiteres Symptom sind ruckartige Augenbewegungen, die in der Fachsprache Nystagmus genannt werden. Sie können dazu führen, dass man nicht mehr lesen und schreiben kann, obwohl die Sehschärfe normal ist.
Sehstörungen sind häufig eine der ersten Beschwerden, die bei MS spürbar werden.
Müdigkeit (Fatigue)
Ein häufiges und den Tagesablauf sehr behinderndes Symptom ist die Fatigue: So heißt die für MS typische starke Müdigkeit und Erschöpfung. Sie zwingt MS-Kranke immer wieder Pausen einzulegen, sich auszuruhen und hinzulegen. Fatigue ist eine körperliche und eine geistige Müdigkeit: Nicht nur die Fähigkeit, sich zu bewegen und zu handeln ist eingeschränkt. Es fällt auch schwer, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren und zu denken. Fatigue kann dazu führen, dass bestimmte berufliche Tätigkeiten nicht mehr ausgeübt werden können, weil mehrere Ruhepausen am Tag eingelegt werden müssen.
Auch Fatigue gehört zu den typischen ersten Symptomen einer MS. Es ist wichtig zu wissen: Fatigue ist eine Auswirkung der MS. Sie hat nichts mit fehlendem Willen oder Unlust zu tun!
Unsichere Bewegungen und Zittern (Ataxie und Tremor)
Die Fachbegriffe Ataxie und Tremor stehen für Störungen der Feinmotorik. Das bedeutet: Der Gang wird unsicher, die Schrift unleserlich. Die Hand greift daneben, der Arm zittert so, dass ein Glas nicht mehr sicher zum Mund geführt werden kann. Wenn Bewegungen unsicher werden, spricht man von Ataxie. Wenn Bewegungen zittrig sind, von Tremor.
Aufregung, Erschöpfung und Stress verschlimmern diese Beschwerden.
Blasenstörungen
Blasenstörungen sind bei MS sehr häufig, oftmals treten auch sie als eines der ersten Symptome auf. Entzündungen des Rückenmarks sind in der Regel für diese Beschwerden verantwortlich. Blasenstörungen äußern sich bei MS-Kranken unterschiedlich: Häufiger Harndrang ist ebenso möglich wie das Gegenteil: Auf der Toilette gibt es "Starthemmungen", oder die Blase entleert sich nur nach und nach in kleinen Portionen. Es kommt auch beides zusammen vor: Blasenmuskel und Blasenschließmuskel lassen sich nicht mehr koordinieren.
Darmstörungen
Auch die Darmtätigkeit kann von der MS beeinträchtigt sein. Verstopfung ist ein häufiges Symptom. Seltener ist die sogenannte Stuhlinkontinenz: Mit diesem Fachausdruck bezeichnet man es, wenn sich der Darm unkontrolliert entleert.
Spastik
Spastik ist, vereinfacht gesagt, eine Muskelsteifigkeit. Sie führt dazu, dass man den Arm oder das Bein nicht mehr normal locker bewegen kann. Die Muskeln setzen den Bewegungen, die man ausführen möchte, Widerstand entgegen. Das führt dazu, dass die Bewegungen verlangsamt und nicht mehr flüssig sind. Darunter leidet oft auch die Geschicklichkeit.
Von Spastik kann im Prinzip jeder Muskel betroffen sein; in der Regel sind es die Beine. Gut zu wissen: Spastik tritt zu Beginn einer MS selten auf; sie entwickelt sich erst im späteren Verlauf der Erkrankung.
Depressionen und depressive Verstimmungen
Unter einer Depression versteht man eine länger andauernde große Traurigkeit oder Niedergeschlagenheit, die mit dem eigenen Willen nicht beeinflussbar ist. Oft kann man sich dann kaum noch über etwas freuen. An MS erkrankte Menschen leiden im Vergleich zur Gesamtbevölkerung weit häufiger an depressiven Symptomen. Dazu tragen die Beschwerden bei, die die MS mit sich bringt und die den Alltag mühselig machen können. Hinzu kommt das Wissen, dass die Erkrankung nicht heilbar und eine Vorhersage, wie sie sich entwickelt, so gut wie unmöglich ist. Unter der MS kann das Selbstwertgefühl leiden. Hoffnungslosigkeit führt zu Schlafstörungen, Müdigkeit und Appetitlosigkeit. Psychotherapie und Medikamente können helfen, die Lebensfreude wieder zu finden.
Schmerzen
Schmerzen sind bei MS nicht selten: Bis zu 90 Prozent der Patienten leiden im Verlauf der Erkrankung einmal darunter.
Sie können eine direkte Folge der MS sein, zum Beispiel eine Sehnerv-Entzündung oder anfallsartige Gesichtsschmerzen bei einer Trigeminusneuralgie (siehe MS-Lexikon).
Sie können aber auch eine indirekte Folge der MS sein, wenn sie durch Symptome verursacht werden. Hierzu zählen zum Beispiel Gelenk- und Muskelschmerzen, die durch Fehlhaltungen oder Spastik hervorgerufen werden.
Aber auch Medikamente, die den Verlauf der MS aufhalten sollen (und können), sind manchmal Ursache von Schmerzen. Das kann vor allem bei einer Therapie mit Beta-Interferonen und Glatirameracetat passieren, lässt sich aber durch schmerzlindernde Mittel beheben.
Eingeschränktes Denken, Planen, Handeln
Wenn die Aufmerksamkeit, das Gedächtnis sowie die Fähigkeit zu planen und zu handeln eingeschränkt sind, spricht man von kognitiven Störungen.
MS-Kranke können unter Umständen ihre Aufmerksamkeit nicht zwei Problemen gleichzeitig widmen: Das kann sich zum Beispiel darin äußern, dass sie überfordert sind, wenn sie sich in einem größeren Kreis mit mehreren Leuten gleichzeitig unterhalten sollen.
Solche Störungen lassen sich gezielt behandeln – ein allgemeines Hirnjogging oder Gedächtnistraining ist zwar nicht verkehrt, hilft aber nicht so eindeutig weiter wie ein spezifisches Training bei einem Neuropsychologen.
(c) 2010 DMSG Bundesverband e.V. - AMSEL e.V.
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Es gibt auf der Internetseite der DMSG kurze Filme, auf denen man das ganz genau sehen kann
Lisa und Tim besuchen Dr. Wohlfahrt in seiner Praxis. Der Arzt erklärt ihnen wie man Multiple Sklerose feststellen kann.
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